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Frankfurter Rundschau
Unabhängige Tageszeitung

1.) "BIS  AUF  EINEN  RESTBESTAND  WURDE  AN  UNIKLINIK  NACHLASS  DES  THERAPEUTEN
MICHAEL  LUKAS  MOELLER  'ENTSORGT'" (siehe "Weg mit Goethe!", Frankfurter Rundschau vom 25. Mai 2006).

2.) "OPEN  ACCESS IST  FAST  DER  EINZIGE  AUSWEG"  (Frankfurter Rundschau vom 25. April 2009).    

3.) "KLINIK – FUSION ALS  EINZIGE  CHANCE?"  (Frankfurter Rundschau vom 18. Februar 2010) ["Bingo!"].
    

Frankfurter Rundschau, Mittwoch, 1. Juni 2005(1)

Leserbrief

Weg mit Goethe!

Endlich – unser Dekan hat mir den Maßstab gegeben, mein Problem zu lösen. Welche Bände meiner Fachzeitschriften als Internist und Kardiologe sind zu entsorgen? Die "veralteten" natürlich, die nicht – so der Dekan – weniger als zehn Jahre alt sind. Also weg damit. Ein kleines Problem sei gestanden: Als Kardiologe weiß ich, dass über 40 Prozent der von Patienten vorgetragenen "Herzschmerzen" in die Rubrik "Herzneurose" gehören. Das Buch mit diesem Titel (von Horst–Eberhard Richter, dem Lehrer Michael Lukas Moellers)  ist dabei oft   hilfreich,  nur

leider über zehn Jahre alt. War wohl alles nicht so wissenschaftlich früher – also weg auch mit diesen Büchern! Vielen Dank also für die bibliotheks–befreienden Ratschläge, und ein Vorschlag an den Dekan der Med. Fak. der J.W.G. Universität! JWG? Na ja, Johann Wolfgang Goethe ist etwas lang, die Abkürzung würde viel Platz in Briefköpfen und sonstwo sparen. Außerdem ist Goethe auch schon bald 175 Jahre tot und ich fange an, über weitere Bibliotheksmeter nachzudenken ...

DR. MED. FRANK PRAETORIUS, FRANKFURT
INTERNIST UND KARDIOLOGE

(Bezugstext:) Frankfurter Rundschau 25./26.05.06.
Bibliothek von Therapeut Moeller "entsorgt"
Bis auf einen Restbestand sind die Bücher des gestorbenen Institutsleiters am Uniklinikum vernichtet
VON FRIEDERIKE TINNAPPEL

Bis auf einen Restbestand von 240 Büchern wurde die Bibliothek des verstorbenen Paartherapeuten Michael Lukas Moeller, die im Institut für Medizinische Psychologie der Uniklinik untergebracht war, vernichtet.

FRANKFURT  24. MAI   Mit seinen Gesprächsanleitungen für Paare war Professor Moeller bundesweit bekannt geworden. Der Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie an Frankfurts Universitätsklinikum hatte herausgefunden, dass das Reden über Gefühle Beziehungen lebendig halten kann. Weil viele das Reden erst lernen müssen, bot Moeller in diversen deutschen Städten "Zwiegesprächs–Seminare" an. Nach seinem Tod vor etwa zwei Jahren war die Institutsleiterstelle vakant, bis im September 2004 mit Professor Jochen Kaiser aus Tübingen jemand kam, der einen anderen wissenschaftlichen Ansatz vertritt. Während sich Moeller der Psychoanalyse verpflichtet fühlte, hat sich Kaiser der kognitiven Neurowissenschaft verschrieben.

Mit den 1500 bis 1800 Büchern, die in der Bibliothek seines Vorgängers standen, konnte Kaiser nichts anfangen und zudem brauchte er den Raum für Mitarbeiter. Bis auf einen Restbestand von 240 Büchern ließ Kaiser deshalb die Bücher vernichten.

"Mich regt das nicht auf", kommentierte der Dekan des Fachbereichs Medizin an der Goethe–Uni, Josef Martin Pfeilschifter, den Vorgang. "Wir wollten jemanden, der kognitive Psychologie macht", begründet er Kaisers Berufung. Man habe den Schwerpunkt Neurowissenschaften des Universitätsklinikums weiter stärken wollen. Kaiser arbeite mit einer wissenschaftlichen Methodik.(2) Die Konzentration auf einige wenige Schwerpunkte wie die Neurowissenschaft sei notwendig, um "national und international mithalten zu können", sagte Pfeilschifter.

Die Bücher von Moeller seien "überwiegend veraltet", nur 100 weniger als zehn Jahre alt gewesen. Die Sammlung sei der Uni-Hauptbibliothek und einer anderen Fachbibliothek angeboten worden. Später habe auch Kaiser noch einmal versucht, sie in anderen Instituten unterzubringen. Weil keiner die Bücher übernehmen wollte, seien sie zum Großteil "entsorgt" worden.


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(1)Michael Lukas Moeller war am 7.7.2002 gestorben.- Von der FR gestrichene Sätze: …, das schafft schon mal rund fünf Meter Bibliotheksplatz. Und alle ebenso veralteten Fachbücher dazu, weitere Platzmeter für die Zukunft!
(2) Unterstreichungen von mir (Praetorius).

Nachtrag 2011: Nachdem auch das "Institut für Sexualmedizin" nach der Emeritierung von Volkmar Sigusch 2006 geschlossen und die Ambulanz seit 1.1.2011 auf unter 20% reduziert wurde, ist die Psychoanalyse innerhalb der Medizinischen Fakultät wieder auf dem Stand von 1956 angelangt. Latente Gründe für diese konsequente Entsorgung könnten in dem oft unbequemen Auftreten der psychoanalytischen Vertreter in den Gremien zu finden sein (vgl. jedoch "Pychoanalyse und Politik").



Frankfurter Rundschau, Samstag, 25. April 2009

Leserbrief

Open Access ist fast der einzige Ausweg

Zu: "Die Autoren werden gestärkt", FR-Feuilleton vom 21. April 2009.

Die Preistreiberei und die rücksichtslose Ausbeutung der Wissenschaftler durch die Großverlage ist für die Wissenschaft kontraproduktiv geworden, seit die Bibliotheken viele Zeitschriften nicht mehr abonnieren - und deshalb beim Literaturstudium nicht mehr hilfreich sind. Auch wer gleich neben der Universitätsbibliothek wohnt, hat es nur noch wenig besser.

    Open Access ist fast der einzige Ausweg, und nicht nur für die aktuelle Publikation. Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit noch gültigen, manchmal älteren Hypothesen müssen diese leicht erreichbar sein – beim Googeln beispielsweise. Sonst fallen Theorien "zu früh, ohne zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen zu können" (Karl Popper). Unter diesem Aspekt wird empfohlen, private PDF-Kopien auf die Homepage des Forschers oder Instituts zu stellen. In meinem Impressum steht dazu: "Private Kopien von eigenen Veröffentlichungen dienen dem Prinzip des ‚Open Access'. Das Urheberrecht bleibt davon unbenommen." Als "Grenzgänger" zwischen Natur- und Geisteswissenschaft habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch Zeitschriften wie Merkur und Frankfurter Hefte dabei ohne Probleme zustimmen. Man sollte sie deshalb ruhig fragen.Dr. Frank Praetorius, Offenbach


Bild: Die Fraunhofer-Gesellschaft unterstützt den freien Zugang zu wissenschaftlichen Informationen

Nachträge 2014-2016:
Der Bundestag hat am 27.6.2013 die Urheberrechtsnovelle verabschiedet: Es gilt ein "Unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht" nach einer Embargofrist von 12 Monaten.
Auch in den Geisteswissenschaften wird die Angst vor Open Access von einer realistischen Haltung abgelöst: ... keine Gefahr für das Abendland, im Gegenteil (FAZ 18.2.2009).
Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 16.4.2014 dürfen Bibliotheken ihre Buchbestände auch ohne Erlaubnis der Verlage digitalisieren und an elektronischen Leseplätzen zugänglich machen. Die Historikerin Monika Dommann beobachtet in der nachfolgenden Diskussion "ein Abfeuern von fulminantem Vokabular aus der Mottenkiste des dreihundertjährigen Copyright-Kriegs" (Merkur 800/1/2016, S. 70). Der betroffene Verlag hat am 20.10.1015 Verfassungsbeschwerde eingelegt.



Frankfurter Rundschau, Donnerstag, 18. Februar 2010      [vgl. unten Mai 2011, auch Offenbach Post 2005!]

Leserbrief

Schmerzhafte Operation nötig

Zu: "Letzte Chance. Die kommunalen Krankenhäuser in Offenbach und Wiesbaden wollen gemeinsam überleben", FR-R2 vom 16. Februar 2010 (deutlicher war der "Wiesbadener Kurier" vom 11.03.2010: Bankschulden: Wiesbaden 53, Offenbach 153 Millionen Euro ).

Zu Recht gilt die Fusion als letzte Chance gegen den Verkauf der Kliniken an einen privaten Betreiber, wie HSK-Manager Horst Strehlau sagt. Die gelingt aber nicht mit dem längst abgedroschenen Verwaltungssprech à la "Synergien nutzen" oder "Kooperation der Krankenhausmanager". Diese Bingoruf-reifen Leerformeln(3) kann man in "Umgehen notwendiger personeller Veränderungen" übersetzen: Ein privater Betreiber würde zuerst statt mehrerer Verwaltungen (und ihrer Chefs) nur eine weiter betreiben, und wirtschaftliche Synergien zu nutzen wäre kein bürokratisch angestrebtes Fernziel, sondern unternehmerische Selbstverständlichkeit.

    Ebenfalls Bingoruf-reif ist inzwischen der "Blick weg vom eigenen Kirchturm". Man sollte den Spruch besser wörtlich nehmen und dabei die Blickrichtung umkehren: H i n b l i c k e n  zu den überflüssigen Türmen hierarchischer Struktur in Verwaltung und Arztbereich - und sie dann zurückbauen.

    Ein im FR-Artikel kaum erwähntes Thema ist der Mangel an Klinikärzten. Im "Trendforum Klinik" (Tagung der Personalberatung Kienbaum und des Deutschen Ärzteblatts im Januar 2010) fand man: "Das wichtigste Instrument zur Bekämpfung des Ärztemangels ist das Führungsverhalten der Ober- und Chefärzte." Der Leitspruch "wir müssen uns um unsere gegenwärtigen und zukünftigen Mitarbeiter kümmern" reiche nicht aus. Ob in Wiesbaden und Offenbach an den dafür ebenso notwendigen wie schmerzhaften Einschnitten gearbeitet wird?

    Die wichtigste Veränderung des ökonomisch kranken Gesundheitswesens findet an der überholten Abschreckungsgrenze zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten statt. Wird es an den beiden Großkliniken ein Facharztzentrum geben, mit einem ernstzunehmenden Konzept wie wenigstens im "Gesundheitszentrum Wetterau", und nicht nur ein paar Alibi-Praxen wie z. B. in Offenbach? Nebenbei könnte durch neue berufliche Aussichten ein Teil der Demotivation der jüngeren Klinikärzte abgebaut werden. Spätestens seit dem 12.1.2010(4) sind die kassenärztlichen Vereinigungen bereit, "gemeinsam mit Krankenhäusern, Medizinische Versorgungszentren einzurichten, in denen Vertragsärzte die nachstationäre ambulante Versorgung übernehmen." [Satz von FR gestrichen]

    Leider muss ich fürchten, dass die Fusion der zwei Großkrankenhäuser letztlich nur die Übernahme durch einen Krankenhauskonzern vereinfachen wird, statt sie zu verhindern.(5)

Dr. med. Frank Praetorius, Offenbach

[Internist / Kardiologe, Chefarzt i.R.]

(3) Weitere Leerformeln wie »Prozessoptimierung«, »Arbeitsverdichtung«, »Ressourcennutzung« zählt der Leipziger Arzt Sebastian Stengel auf. Er sieht sie als »euphemistische Ummantelung für das kapitalistische Prinzip, dass immer weniger Personal immer mehr Arbeit verrichten soll.« (DIE ZEIT 10.6.09, p25).
(4) http://www.kbv.de/html/mvz.php

(5) Mai 2011: Klärende Diskussion im Parlament - endlich! -: "Schwierige bundespolitische Rahmenbedingungen, regionale Überkapazitäten, eine lange Serie von Managementfehlern in den letzten 20 Jahren sowie ein zu teurer Krankenhausneubau mit nur geringen Zuschüssen des Landes Hessen haben das Klinikum trotz eines beachtlichen finanziellen Beitrags der Beschäftigten in eine dramatische Schieflage gebracht", ebenso die als falsch erwiesenen "Schönwetterprognosen" mehrerer Klinikleitungen. (FR 12.5.2011) Die Konsequenz (FR 14.7.11): "Klinikum feuert Geschäftsführer. Geschäftsbesorger gesucht".
November 2012: Statt des lange verzögerten Verkaufs droht jetzt die akute Insolvenz.
Juli 2013: Verkauf für 1 € ohne Schuldenübernahme durch den Käufer SANA.


Stand 27.12.2014